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10.07 - 01.08.06
Kirgistan
Kirgistan_ Modernes Bishkek und die wilden Reiter vom Song Koel
10. Juni 2006_ Unsere geplante Tour hat uns nun bis nach Kirgistan geführt. Das Reisen durch die verschiedenen Länder war bis jetzt spannend, die Landschaften grandios, die Menschen unglaublich gastfreundlich. Kirgistan steht den anderen Ländern in nichts nach, im Gegenteil, es zieht uns in seinen Bann und fasziniert uns zutiefst.

Wir haben bereits vorher einiges über Kirgisien gehört. Unser Freund Sebastian aus Mainz hat bereits vor uns die Leidenschaft zu diesem Land entdeckt. Durch ihn lernten wir vor zwei Jahren in Mainz auch Talant kennen lernen, der als studierter Deutschlehrer fließend deutsch spricht. Er war damals mit zwei Freunden in Deutschland, um drei Autos zu kaufen und diese dann über Polen und Russland nach Bishkek zu bringen und sie dort zu verkaufen. Talant und seine Frau Gulnara haben uns herzlichst in Empfang genommen und sich bis heute rührend um uns gekümmert.

In Kirgistan fängt man nicht „kleinlich" an. Das Land nimmt den westlichen Teil, ca. zwei Drittel des Gebirges Tien- Schan ein. Der Tien- Schan („Himmelsberge") erstreckt sich über 2500 km- doppelt so lang wie die Alpen. Seit 1991 existiert Kirgistan als unabhängiger Staat. In interessanten Gesprächen mit Talant und Gulnara erfahren wir einiges über das Land vor und nach der Unabhängigkeit. Noch nicht vergessen sind z. B. die sowjetische Kollektivierung: eine zwangsweise Zusammenfassung von Gütern, Viehbestand und Arbeitskraft von Kleinbauern zu mechanisierten landwirtschaftlichen Grossbetrieben. Dazu gehört auch die Tonnenideologie: Forcierung landwirtschaftlicher Erträge gemäß staatlicher Planvorgaben, ohne Rücksicht auf Schonung der Umwelt oder alte Anbau Methoden und unter Ausbeutung und Vergeudung von Ressourcen.

Es gibt mittlerweile über 60 Naturparks, doch die Schutzgebiete sind heute wiederum bedroht durch die Urbarmachung des Landes, Umweltverschmutzung, illegale Ausbeutung von Ressourcen durch Wilderei und Holzeinschlag. In den dreißiger Jahren haben die Hirten massenhaft ihre Herden abgeschlachtet, um der Kollektivierung zu entgehen. Heute kehren sie vermehrt zur schonenden Haltung kleiner Herden und ihrer ursprünglichen Lebens -und Wirtschaftsweise zurück. Talant erzählt, dass seit einigen Jahren wieder vermehrt Herden auf den Sommerweiden zu finden sind.

Nachdem wir nun schon 10.907 km seit unserem Start in Mainz gefahren sind, reisen wir südlich von Taraz nach Kirgistan ein und fahren durch das schöne Talastal. An unserem ersten wunderschönen Standplatz sagt uns ein vorbeikommender Reiter, dass wir hier lieber nicht übernachten sollten. In letzter zeit waren hier „Gangster und Spitzbuben" unterwegs, wie sich nach eifrigem Nachschlagen in unserem Ponds „Russisch-Deutsch-Wörterbuch" herausstellt. Na, dass fängt ja gut an. Wir dachten, Kirgistan sei so toll und sicher??? Wir bauen unsere Zelte ab und fahren in die bereits anbrechende Dämmerung. So hatten wir uns das nicht vorgestellt...  In unserer Verzweiflung halten wir nach einigem Suchen bei einem älteren Mann an, der gerade seine Pferde von der Weide holt. Kein Problem, sollen wir doch bei Ihm vor dem Haus übernachten. Dazu gab es natürlich noch Tee, Fladenbrot, diverse selbstgemachte Leckereien und einen gemütlichen Abend mit Schnack auf den typischen kirgisischen Filzteppichen.

 

11. Juli 2006_ Wir überqueren den Ötmök Pass in 3330 Metern Höhe. Das erste Mal muss der Landcruiser in der dünnen Luft richtig schuften und produziert wegen des geringen Sauerstoffgehaltes und der daher schlechten Verbrennung des Diesels, eine dicke schwarze Russwolke.

Kurz hinter dem Pass können wir zum ersten Mal bestaunen, wie eine Jurte aufgebaut wird. Die Jurte ist die traditionelle runde Behausung der zentralasiatischen Nomaden und besteht aus Filz. Eine Jurte wird ohne einen Nagel zusammengebaut. Der Durchmesser der Grundfläche beträgt ca. 5 Meter. Die Jurte wird aus einer Konstruktion aus einem rundum laufenden Scherengitter gebildet. Dieses wird mit einer Lage Schilfrohr umkleidet und innen wie außen mit geflochtenen Riemen fest verschnürt und verspannt. Das Jurtendach wird durch gebogene Stangen gestützt, die durch einen Einsatz in der Dachmitte zusammen gehalten werden. Dieser runde Einsatz heißt „tündück" und ist auf der kirgisischen Nationalflagge zu sehen. Dieses Grundgerüst wird dann mit dicken Filzdecken umspannt. In unserem Fall wurde unter den Filz des Daches noch eine blaue Kunststoffplane gelegt. Nicht sehr romantisch, doch für die Bewohner ein Schutz gegen Regen in der mindestens schon 25 Jahre alten Jurte.

Bei einer klassisch eingerichteten Jurte befindet sich in der Mitte die Feuerstelle. Im linken Teil ist der männliche Bereich angeordnet. Hier bewahrt der Familienvater Zaumzeug und Jagdgerät auf. Im rechten, weiblichen Teil lagern Geschirr und Haushaltsgeräte. Gegenüber des Einganges stehen Truhen mit dem Habe der Familie, wie Teppiche und Decken. Ausgestattet ist die Jurte von Innen mit wunderschönen, selbst gemachten Teppichen und Handarbeiten. Wie wir aber während unserer Rundreise festgestellt haben, ist auch hier die Moderne eingezogen und nicht alle Einrichtungen sind nach dem klassischen Muster. In der Jurte wird gekocht, gearbeitet und geschlafen. Sie bildet das Zentrum des Familienlebens auf den Sommerweiden im Gebirge.

Wir dürfen munter Fotos machen und kommen schnell mit den jungen Leuten ins Gespräch. Und zu unserem ersten Kontakt mit Kymys... Kymys ist ein traditionelles Hirtengetränk und man bekommt es überall frisch zu kaufen. Es wird aus Stutenmilch hergestellt. Diese wird in einem Schlauch aus Schafleder einen Tag lang vergoren und dabei immer wieder umgerührt. Stutenmilch ist die einzige Milch, die nicht gerinnt. So entsteht Quark, der sich absetzt und der Kymys schwimmt oben. Kymys ist leicht alkoholisch und wird reichlich aufgetischt. Natürlich wollen wir das probieren, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie vergorene Stutenmilch schmecken könnte. Aber alle noch so phantasiereichen Vorstellungen sind nichts gegen den wirklichen Geschmack von Kymys. Jessica hat nach einer halben Schale von diesem bitzelnden und leicht rauchig schmeckenden Getränks quittiert. Zur Belustigung aller. Jörgen hat zu aller Erstaunen noch eine zweite Schale getrunken! Kymys ist für seine reinigende Wirkung in der Magengegend bekannt, woran wir in den darauf folgenden Tagen noch einige Male denken müssen...

Dann geht es weiter zur Suusamyr-Syrte, einem wunderschönen Steppenplateau auf 2200 m Höhe. Überall liegt ein angenehmer Geruch von Wermut in der Luft, der uns während der kalten Nacht oben im Dachzelt um die Nase weht.

 

12. Juli 2006_ Am nächsten Morgen fahren wir über den Töö-Ashuu-Pass (3586m) nach Bishkek und treffen dort Talant, Gulnara und ihre beiden Söhne Tilek und Sultan. Am Abend sitzen wir nach einer erfrischenden Dusche alle zusammen in der Küche und essen hervorragenden Plov, den Gulnara frisch zubereitet hat. Die nächsten beiden Tage verbringen wir in Bishkek und erledigen viele Dinge, die in den letzen Wochen ein bisschen zu kurz gekommen sind. Internet, nach Hause Telefonieren, Geld tauschen, Visa Angelegenheiten für unsere Weiterreise, Ölwechsel und Ersatzteile fürs Auto besorgen.

 

15. Juli 2006_ Am Vormittag holen wir die beiden Enduros (Suzuki DR 650), die Sebastian hier in Bishkek stehen hat, aus Talants Garage. Dann geht es los in Richtung der kleinen Datscha süd-östlich von Bishkek. Dieses kleine Häuschen mit zwei Zimmern wird in den nächsten Wochen unsere „Basis" für die weiteren Touren in Kirgisien sein. Im Konvoi fahren wir mit den beiden DR´s, Talants ehemaligem, deutschen Mercedes-Taxi und dem Landcruiser durch die schöne Landschaft und machen am Nachmittag noch eine Pause in einem kleinen Freiluftthermalbad.

Die Datscha gehört Sebastian und Talant und liegt auf 1300m Höhe am Fuße des Bisik Atniskiji-Gebirgszuges, das bis auf knapp 4500m ansteigt, in einer kleinen „Wochenendhaussiedlung". In den nächsten Tagen spannen wir ein bisschen aus - Jörgen legt sich drei Tage ins Bett, da er ein wenig zu lange an den Mopeds geschraubt hat und einen Sonnenstich bekommen hat...

 

21. Juli 2006_ Talant und Gulnara betreiben eine kleine Reiseagentur, die Rundreisen jeglicher Art in Kirgisien anbietet und organisiert (bei Interesse einfach bei Talant per e-mail melden: talantas@infotel.kg ). Da Talant gerade mit einer Gruppe von drei deutschen Touristen aus Frankfurt unterwegs ist, entscheiden wir, uns Ihnen anzuschließen und fahren in Richtung des auf 1608 Meter hoch gelegenen Yssyk-Köl-Sees. Der Yssyk- Köl ist nach dem Titikaka- See der zweitgrößte Hochgebirgssee der Welt. Er hat eine Fläche von 6236 km² und ist somit elfeinhalb Mal so groß wie der Bodensee. Mit seinen 702 Metern Tiefe ist er zugleich der vierttiefste See der Erde.

Seit 1948 sind der See und ein zwei Kilometer breiten Uferstreifen Naturschutzgebiet (das gesamte Ufergebiet ist zwar bebaut, infrastrukturell erschlossen und vor allem am Nordufer touristisch genutzt, aber hier in Kirgisien versteht man halt etwas anderes unter Naturschutz als bei uns in Deutschland). Daher müssen wir am westlichen Ende des Sees bei Balykci eine so genannte „Ökologiesteuer" bezahlen, die für ausländische Fahrzeuge 500 SOM, also ca. 10 Euro beträgt.

Unser erstes Ziel ist ein kleines Tal bei Jeti-Ögüz am süd-östlichen Teil des Sees unweit von Karakol. Hier treffen wir dann Talant, Vera, Markus und Karl-Heinz, die hier in einer Jurte untergekommen sind.

Die Gegend ist geprägt von faszinierenden roten Felsen, die in den bizarrsten Erosionsformen in der Landschaft verteilt sind. Unser Rastplatz direkt neben der Jurte liegt unter einem ca. 80 Meter hohen Felsen, der sich „Gebrochenes Herz" nennt, da er in seiner Mitte gespalten ist. Wir unternehmen eine Wandertour in das südliche Tal in Richtung des Terskej-Alatoo-Massivs und durchstreifen wunderschöne Natur immer mit Blick auf die vergletscherten Gipfel der umliegenden Berge. Am nächsten Tag fahren wir am südlichen Yssyk-Köl zurück Richtung Westen, um bei Kaji-Say einen Strandtag am See zu verbringen und im glasklaren Wasser zu baden. Im schönen Abendlicht zeigt Talant uns dann noch ein ca. 10 km entfernt liegendes Gebiet, in dem wiederum unglaubliche rote Felsformationen zu sehen sind, die unsere Fotoapparate nicht zum Stillstand kommen lassen...

Weiter geht es dann am Dienstag zu einem kleinen Salzsee, der unweit vom Seeufer inmitten der trockenen Landschaft liegt. Das Schwimmen hier ist besonders entspannend, da man wegen des hohen Salzgehaltes regelrecht in dem Wasser schwebt. Die „Naturkosmetik" in Form des schwarzen, übel nach Schwefel riechenden Matsches vom Seeufer lassen wir uns natürlich auch nicht entgehen und reiben uns von oben bis unten damit ein. Umso schöner das Gefühl, wenn der Schlamm auf der Haut in der sengenden Sonne trocknet.

 

24. Juli 2006_ Am nächsten Tag verlassen wir die See-Region und fahren nach Kochkor, einer kleinen Stadt, die eingebettet zwischen dem Terskej-Alatoo im Süden und dem Kirgiskiji-Alatoo im Norden im Tal liegt. Nach einem schönen Abend in einer sehr netten Privatunterkunft besichtigen wir eine kleine Filzfabrik. Hier wird uns demonstriert, wie aus der reinen Schafswolle, Filz gemacht wird.

Zunächst wird die „rohe" nur grob gesäuberte Wolle gleichmäßig auf einer Bastmatte verteilt. Dann wird die Bastmatte mit dem Filz zu einer Rolle zusammengerollt. Nachdem das ganze Packet mit heißem Wasser übergossen worden ist, wird die Rolle „gewaklt" oder wie auch immer man den Vorgang nennen will. Hierzu wird immer wieder (unter ständigem Drehen) mit den Füssen auf die Rolle getreten. Wenn größere Filzmatten hergestellt werden, wird die wesentlich breitere und dickere Rolle mit Hilfe einer Stange und zwei Seilen hinter ein Pferd gespannt. Dann wird einige Male die Dorfstraße rauf- und runter geritten. Bei dieser Prozedur verfilzen die einzelnen Schafshaare, so dass der feste Filz entsteht.

Nachdem wir uns großzügig mit Filzartikeln eingedeckt haben, geht es weiter über den Dolon-Pass (3038m) und der Stadt Naryn Richtung der At-Bashi Range, welche an ihrem höchsten Punkt 4749 Meter erreicht. Wir fahren längere Zeit parallel zu diesem Massiv und begegnen immer wieder riesigen chinesischen LKW. Diese Monster sind wesentlich größer als die sonstigen LKW in dürfen bis 50 Tonnen wiegen. Wie viel sie tatsächlich auf die Wage bringen bleibt offen. Erst seit zwei Jahren ist die Straße, die zu Torugart Pass und damit nach China führt, für diese großen LKW freigegeben. In diesem Zeitraum hat sich auch, wie uns Talant berichtet, der Zustand der Straße extrem verschlechtert. Der Unterbau der Straße hat den großen Achsgewichten der LKW nicht standhalten können, so dass sich gigantische Verwerfungen, Spurrinnen und Schlaglöcher aneinander reihen. Dementsprechend niedrig ist unser Tempo.

Gegen frühen Abend biegen wir dann Richtung Süden von der Straße ab, um zu unserem nächsten Ziel, der 500 Jahre alten Karawanserei „Tash Rabat" zu gelangen. Wir fahren durch ein wunderschönes Tal, sehen viele Adler bei Ihren ersten Flugversuchen und werden von den unzähligen Murmeltieren mit einem Pfeifkonzert begrüßt. Dieses Pfeifen stoßen die meist auf den Hinterbeinen stehenden Murmeltiere aus, um Ihre Artgenossen vor Gefahr zu warnen. Sonderlich scheu sind sie jedoch nicht, so dass es uns gelingt ein besonders zutrauliches Exemplar mit unserer Kamera bis fast in die kleine Erdhöhle zu verfolgen.

Nach unserer Ankunft im kleinen Jurtendorf, welches sich um die Karawanserei gebildet hat, beziehen Talant und die Frankfurter Ihre Jurte, wir klappen unser Dach hoch. Wir sitzen noch bis in den späten Abend mit 6 Schweizern, die hier auch Rast machen, vor den Jurten. Die Schweizer sind von Jalal-Abad mit Reit- und Packpferden seit 10 Tagen unterwegs und wollen noch bis zum Song-Köl See reiten.

Am nächsten Tag steht uns auch unser erstes kirgisisches Reitabenteuer bevor. Wir wollen zu Pferd zum „Tash Rabat-Pass" auf 4000 Meter Höhe reiten. Besonders „spannend" ist dies für Jörgen und die drei Frankfurter, da es für sie das erste Mal ist, auf einem Pferd zu reiten... Ganz im Gegensatz für Jessica, die laut Talant wie ein Kirgise reitet. Wir starten von 2900 Metern Höhe und durchstreifen in gemächlichem Tempo die wunderschöne Gebirgslandschaft. Nach ca. 3 Stunden erreichen wir den Fuß des Passes und können nun erstmals sehen, was uns noch bevorsteht. Der letzte Abschnitt ist sehr steil und läuft durch ein großes Geröllfeld. Es ist lediglich ein schmaler Streifen (Trampelpfad) zu erkennen, den wohl schon einige Reitergruppen vor uns in den rutschigen Schotterhang getreten haben. Aber entgegen aller Ängste und Befürchtungen, tragen uns die extrem trittsicheren Pferde aufwärts. Eine Stunde später stehen wir oben auf dem Pass und genießen den atemberaubenden Ausblick. Unter uns liegt majestätisch der See Chatyr-Köl und die Sicht reicht bis zu den chinesischen Grenzgebäuden des Torugart-Passes und weit in die Gebirge jenseits der Grenze. Die dünne Luft in dieser Höhe macht uns ein wenig zu schaffen, als wir auf den umliegenden Felsen herumklettern. Es weht ein starker, kalter Wind am Pass, so dass wir beschließen, unser Picknick doch einige Hundert Höhenmeter tiefer zu genießen.

Nach ganzen 7 Stunden sind wir wieder am Jurtenplatz. Die Pferde werden abgegeben und Knie und Hintern schmerzen ganz beachtlich. Doch ein kaltes Bier hilft über die Schmerzen hinweg. Karl-Heinz allerdings legt sich sofort ins Bett, da er starke Kopfschmerzen hat und sich allgemein sehr schlecht fühlt. Am nächsten Tag muss er schon unsere kleine Gruppe verlassen, um nach Deutschland zurückzufliegen. Daher kommen Gulnara und Nasib an diesem Abend vorbei, um Karl-Heinz am nächsten Tag nach Bishkek zu fahren. Wir hören später, dass es Karl-Heinz schon viel besser ging, als die drei am Mittag in Naryn auf unter 2000 Metern Höhe waren. Vielleicht hatte er einen kleinen Anflug der Höhenkrankheit erlitten.

Am nächsten Morgen besichtigen wir noch die Karawanserei. Dieses ca. 500 Jahre alte Gebäude bot damals den Karawanen, die auf diesem Teil der Seidenstraße unterwegs waren, Schutz vor der kalten Witterung und Diebesbanden. Außerdem konnten sich hier die Kaufleute und ihr Gefolge von ihrem strapaziösen Weg erholen und ihre Tiere versorgen bzw. austauschen. Die Karawanserei verfügt über 40 Kammern, so dass bei voller Belegung ein buntes Treiben geherrscht haben muss. In den Karawansereien der Zeit, als die Seidenstraße noch eine wichtige Handelsroute darstellte, wurde aber nicht nur gerastet, sondern die Händler Kauften und Verkauften auch Waren. Viele von Ihnen bereisten nicht den gesamten Teil der Seidenstraße, sondern nur einige Teilabschnitte. So war es alltäglich, dass viele Waren nicht die gesamte Distanz dieses historischen Handelsweges zurücklegten, sondern unterwegs aufgenommen und verkauft wurden.

Die „Tash Rabat-Karawanserei" wurde anscheinend vor einigen Jahren oder noch zu Sowjetzeiten „renoviert" bzw. instand gesetzt. Da es hier in Zentralasien einen Denkmalschutz wie wir ihn aus Europa (und Jörgen insbesondere durch seine Architektentätigkeit aus Deutschland kennt) kennen, nicht gibt, sind diese Erhaltungsarbeiten leider in einer fragwürdigen Art und Weise durchgeführt worden. An vielen Stellen des historischen Bruchsteinmauerwerks wurden Reparaturen mit Beton vorgenommen. Viele Fugen wurden mit „modernen" Mörteln verfüllt oder vielmehr zugeschmiert. Einige anscheinend Einsturzgefährdete Teile sind nur mit provisorischen Stützen aus Baumstämmen behelfsmäßig abgefangen worden. Es bleibt nur zu hoffen, dass auch hier in Kirgistan in Zukunft mit historischer Bausubstanz ein wenig rücksichtsvoller und vor allem fachkundiger umgegangen wird. Ansonsten wird wohl in einigen Jahren leider nicht mehr viel von der Baukunst der letzten Jahrhunderte zu bestaunen sein.

 

27. Juli 2006_ Wir lassen Tash Rabat hinter uns. Es erwartet uns als nächstes ein Highlight der Tour: das Hirtenfest am Song Köl, einem Gebirgssee. Doch bis dahin müssen wir erst einmal zwei Pässe und ein großes Tal hinter uns lassen. Wir fahren über Baetov und die Strecke besteht hauptsächlich aus Schotterpiste. Unglaubliche Landschaften tun sich in dieser eher einsamen Gegend auf. Wir blicken in atemberaubende Täler, passieren rote und andere bizzare Felsformationen und blicken auf schneebedeckte Gipfel. Dann erreichen wir den zweiten Pass. Eine serpentinenreiche Piste führt uns hoch auf 3000m. Kleine Busse voll gepackt mit Personen (in einer Pause haben wir mit Erstaunen festgestellt, dass tatsächlich 20 Personen inkl. Gepäck aus einem Kleinbus krochen) und kleine Ladas kriechen den Berg hoch. Manche allerdings überholen uns ehrgeizig mit ihren altersschwachen Vehikeln in einem rasanten Tempo. Doch man kann sicher sein, dass man sie spätestens nach der nächsten Kurve mit geöffneter Motorhaube wieder trifft.

Wir lassen die Baumgrenze hinter uns und erreichen die Hochebene auf 3016m Höhe. Die Aussicht auf den See übertrifft bei Weitem unsere Erwartungen. In große, saftige Wiesen gebettet, liegt der kristallklare See, umgeben von bis zu 3800m hohen Bergen. Ein grandioses Panorama. Zu unserem Erstaunen sind die Wiesen übersät mit Edelweiß.    Die erste Nacht verbringen wir, abseits vom Fest, bei einer Familie. Sie gehört zu den wenigen, die im Sommer mit Ihren Tieren auf die hervorragenden Weiden um den Song Köl zieht. Die Familie bewohnt eine Jurte und eine weitere steht für Gäste zu Verfügung. Abends gibt es frisch gefangenen Fisch und zu unser aller Überraschung, singt eine junge Frau aus der Familie einige folkloristische Lieder. Die Stimmung ist perfekt. Wir sitzen in der Jurte bei Schummerlicht und lauschen dem schönen Klang der Stimme.

Am nächsten Tag zieht es uns zum Fest. Einige Kilometer weiter hat sich auf einem kleinen Hügel eine riesige Menschenmenge angesammelt. Es herrscht ein buntes, belebtes Treiben. Es gibt einen großen Platz, wo fisch zubereitetes Essen und Lebensmittel verkauft werden. Die Luft ist voll von Gerüchen aus Garküchen, vermischt mit dem Qualm der Feuerstellen. Wir kommen nicht umhin, das ein oder andere Mal frisch geschlachtete Schafe oder Pferde zu betrachten.

Vor dem Hügel, direkt mit Blick auf den See befindet sich der Hauptfestplatz. Hier finden die spektakulären Reiterspiele und folkloristische Vorführungen statt. Es wimmelt nur so von Menschen und als erstes fällt einem auf, das eigentlich fast kein Kirgise ohne Pferd vor Ort ist. Kein Wunder, den ein kirgisisches Sprichwort besagt:" Die Flügel eines Mannes sind sein Pferd". Somit sitzt alles was laufen kann (oder auch nicht ) im Sattel. Allerdings nur wenige Frauen, was jedoch nicht heißen soll, dass diese nicht weniger gut reiten. Weiter hinten am See befinden sich einige Jurtendörfer, eigens wegen des Festes aufgestellt. Sie stehen in großem Abstand zum Festplatz und man muss ein riesiges Feld überqueren, um dort hin zu gelangen. Hier, wie auch auf dem Festplatz kann man unentwegt das reiterliche Können der Kirgisen bestaunen, die mit halsbrecherischem Tempo durch die Menge fegen.

Dann beginnen die Reiterspiele. Der erste Wettkampf heißt „Ulak Tartys". Hierzu wurde eigens ein Schaf frisch geschlachtet. Der Körper des Schafes (ohne Kopf und Beine) dient nun als Spielball. Die beiden Mannschaften müssen das Schaf vom Boden ergreifen und in den gegnerischen Trog werfen. Allein den mind. 30 kg schweren Schafskörper vom Boden auf den Sattel zu ziehen, erfordert einiges an reiterlichem Geschick und Kraft. So beginnt ein absolut wildes und auch faszinierendes Schauspiel. Manchmal braucht man allerdings starke Nerven. Die Reiter gehen nicht gerade zimperlich mit den sehr strapazierfähigen Pferden um und so sind kleinere Wunden an der Tagesordnung. Auch im Alltäglichen haben die Pferde einiges zu ertragen. Dennoch hat das Pferd hier einen hohen Stellenwert und ist aus dem Leben der Kirgisen nicht weg zu denken.

Wir schlendern über den Platz, bestaunen traditionelle Kostüme, geniessen die kirgisische Kost und den Blick auf den Song Köl. Am nächsten Tag fahren Vera und Markus mit Talant weiter. Wir beschließen zu bleiben und kommen einen weiteren Tag nicht aus dem Staunen heraus. Die Nacht verbringen wir direkt am Seeufer. So einen klaren Sternenhimmel haben wir selten gesehen.

Am letzten Tag des Festes warten wir morgens gespannt auf die angekündigten Pferderennen. Man hat uns mittlerweile vier verschiedenen Zeiten gesagt, an denen sie beginnen sollen. Das größte der Rennen geht über dreißig Kilometer. Gern hätten wir uns angeschaut, was die Pferde an Kondition an den Tag legen. Doch leider tickt die kirgisische Uhr anders und so zögerten sich die Starts der Rennen Stunde um Stunde hinaus. Da wir noch eine lange Strecke bis Bishkek vor uns haben, trennen wir uns schweren Herzens von der schönen Kulisse und fahren über Kochkor zurück in die kleine Datscha.

 

01. August 2006_ Vera und Markus` Reise geht zu Ende und an deren letzten Abend treffen wir uns in Bishkek in einem sehr schönen Restaurant und feiern Abschied.

Wir haben es uns wieder in der kleinen Datscha gemütlich gemacht und genießen den zeitweilig festen Wohnsitz. Die darauf folgenden Tage haben wir noch einiges zu erledigen und am 13. August kommen Sebastian und Kerstin nach Kirgistan. Dann werden wir wieder einige Touren unternehmen und bis dahin ist auch wieder unser kaputtes Objektiv repariert.